Reise nach Santander

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Reise nach Santander

05.11.2008  -  07.11.2008

Die Auslosung zur Gruppenphase des diesjährigen UEFA-Pokals ergab, dass der FC Schalke 04 am 06.11.2008 auswärts bei Racing Santander antreten musste. Da meine letzte Fahrt zu einem internationalen Auswärtsspiel schon ein Jahr zurücklag, überlegte ich, ob ich mich nicht noch einmal um eine Karte bemühen sollte.

Das weitere Auswärtsspiel in der Gruppenphase in Enschede kam für mich nicht in Frage, da hier meines Erachtens nur ein geringes Kartenkontingent zu Verfügung stehen würde, so dass meine Aussichten auf Erfolg eher gering wären. Also blieb nur noch Santander.

Allerdings schreckte mich die lange Busfahrt von ca. 20 Stunden eine Tour ganz schön ab. Zur Information: Santander liegt im Norden Spaniens in der Region Kantabrien, ca. 2Stunden entfernt von der französischen Grenze. Die Alternative zum Bus war ein Flug. Da ich aber mit meinen Überlegungen schon ziemlich spät dran war, hätte ich nur noch auf den kostspieligen, vom SFCV organisierten Flug zurückgreifen können. Auf unserem Kartoffelbraten schließlich überzeugten mich Reinhard Rothenpieler, der sich mit Gerlinde Hoffmann bereits für die Busreise angemeldet hatte, und Thomas Spies, den Bus zu nehmen. Durch einige Fahrten zuvor konnte mir Reinhard die Vorzüge des Bosch-Busses schmackhaft machen. Der Bosch-Bus hat nichts mit der bekannten Laaspher Brauerei zu tun. Vielmehr hat ein Mann namens Bosch in den Achtzigern einen alten Bus aus den fünfziger Jahren liebevoll restauriert. Mit diesem wurden dann alle Auswärtsspiele des FC Schalke 04 besucht. Zwar sind Herr Bosch und der alte Bus nicht mehr im Einsatz, aber eine jüngere Generation führte den eingeschlagenen Weg fort, jetzt natürlich mit modernen Reisebussen. Der Name Bosch-Bus blieb.

Zurück zum eigentlichen. Gesagt, getan, ich meldete mich also für die Reise nach Santander mit dem Bosch-Bus an. Allerdings kamen mir am Montag nach dem besagten Kartoffelbrat-Wochenende die ersten Zweifel, ob meine getroffene Entscheidung richtig war. Der Respekt vor der langen Busfahrt war riesengroß. Es gab aber kein Zurück mehr: die Anmeldung war verpflichtend. Bereits eine Woche später erhielt ich mein "Reisegepäck": Teilnahmebestätigung, Ablaufplan und Eintrittskarte für Stadion und Bus. Kurze Rücksprache mit Reinhardt, und es stand fest, auch die Anmeldung der beiden Birkefehler war erfolgreich.

Der Ablaufplan sah wie folgt aus
  • Mittwoch, 05.11.08, 15 Uhr Abfahrt Bosch-Bus in Gelsenkirchen an der SFCV-Kneipe
  • Donnerstag, 06.11.08, ca. 12 Uhr Ankunft in Santander
  • Donnerstag, 06.11.08, eine Stunde nach Spielende (somit ca. 24 Uhr) Rückfahrt
  • Freitag, 07.11.08, ca. 20 Uhr Ankunft in Gelsenkirchen an der SFCV-Kneipe.

Ein ganz schön hartes Programm also.

Wir drei Wittgensteiner beschlossen, den Weg zur Kneipe nach Gelsenkirchen am Mittwochmorgen gegen 10 Uhr anzutreten. Die Kneipe sollte um 13.30 Uhr öffnen, und das angebotene Mittagessen "Frikadelle mit Kartoffelsalat" wollten wir uns nicht entgehen lassen. Gegen 12.30 Uhr erreichten wir eine Stunde zu früh die Abfahrtsstelle Kneipe. Also genehmigten sich die Herren erst einmal ein Döschen Krombacher.

Nach dem Mittagessen und weiteren drei Bierchen machten wir uns Richtung Bosch-Bus auf. Durch die guten Beziehungen Reinhards zu den Offiziellen des Bosch-Busses konnten wir in der letzten Reihe an den zwei Tischen sitzen. Wie sich später herausstellen sollte, ein wirklicher Glücksfall. Auch der Aspekt, dass wir rückwärtsfahren mussten, erwies sich glücklicherweise nicht als Nachteil. Also ging es los. Während wir mit einigen Veltins versuchten, die lange Zeit zu verkürzen, griffen die weiteren Tischmitglieder direkt zu härteren Maßnahmen: Mariacron mit Cola.

Überraschenderweise hatten Gerlinde und Reinhard zwei Schlachteplatten mitgebracht. Die Damen und Herren sollten mal kosten, was die Landeier so alles herstellen können. Rudi, der Chef des Bosch-Busses, machte den Vorschlag, nach drei Stunden eine Pause einzulegen, und sich mit der ersten Platte zu verköstigen. Die zweite sollte dann in Paris verzerrt werden, wenn die beiden weiteren Busfahrer zustiegen. Die zweite Platte hat Paris nie zu sehen bekommen. Bereits beim ersten Halt wurden beide Platten von den begeisterten Mitfahrern vollkommen "vernichtet".

Seitenblick Klassenfeind

Irgendwo auf der Strecke nach Santander vor Paris rutschte Reinhard heraus, dass ich Ingenieur sei. Das war für einige Leute ein gefundenes Fressen. Ich wurde zum Klassenfeind abgestempelt. Die einen nahmen es mit Humor, für andere war es bitterer Ernst. So wollte z. B. der Organisator Rudi bei der nächsten Fahrt den Bus beschriften: Hier fahren auch Ingenieure mit. Während die wenigen anderen immer wieder mit zynischen Bemerkungen auf sich aufmerksam machen wollten. Da von meiner Seite keine Reaktion kam, wurden diese Äußerungen aber bald eingestellt.

Die beiden oben angesprochenen zusätzlichen Busfahrer sollten wir in einem Hotel in Paris Mitte abholen, so dass wir durch halb Paris fahren mussten. Paris ist sehr sehenswert bei Nacht. Der beleuchtete Eiffelturm prägt sich einem schon ins Gedächtnis ein. Nach der kurzen Pause setzten wir unsere Reise gen Spanien fort. Allerdings wurde es im Bus nun etwas ruhiger als noch zuvor. So ab zwei Uhr war „Nachtruhe“ angesagt: fast der komplette Bus schlief. Also nicht der Bus, vielmehr die Insassen. Somit waren auch keine Pausen mehr nötig, um „unnötigen Ballast“ abzuwerfen. Als es allmählich dämmerte und die Insassen des Busses wieder ihre Lebensgeister entdeckten, erreichten wir die französisch-spanische Grenze. In der Nähe von San Sebastian stoppten wir für unsere Morgenpause auf einem Rastplatz, der ein paar Wochen zuvor, auf der Bosch-Bus-Fahrt nach Porto, für einige Stunden die Heimat der Businsassen wurde. Näheres zu dieser Geschichte können Euch Gerlinde und Reinhardt berichten.

Ich hatte keine gute Nacht. Erstens musste ich auf mein Gegenüber aufpassen, der beseelt von Mariacron die Festigkeit der Fensterscheibe testete, und zwar mit seinem Kopf. Zweitens hatte ich nicht beachtet, dass die Sitzlehne zurückstellbar war, so dass es mir nicht möglich war, eine angemessene Schlafposition einzunehmen. Dementsprechend gerädert war ich dann am Morgen. Mir schwirrte der Gedanken durch den Kopf: "Schei…, daß machst Du nie wieder mit!".

Noch halb im Schlaf vollzog ich mehr oder weniger die kleine Morgentoilette: Gesicht waschen und Zähne putzen. Anschließend genoss ich nach der anstrengenden Nacht zusammen mit Gerlinde und Reinhardt das angebotene Frühstück: Gerlinde einen Kaffee, Reinhardt und ich je zwei Bier. Danach kehrte mein Optimismus wieder zurück, dass mir der Rest der Fahrt ebenfalls noch gut gelingen würde. Rund eine Stunde später setzten wir die Segel für die restliche Fahrstrecke. Und schließlich erreichten wir so gegen zwölf Uhr den Parkplatz direkt vor dem Stadion „Campos de Sport del Sardinero“ (kurz „El Sardinero") in Santander.

Das wohlverdiente Mittagessen bestand aus einer Bockwurst mit Toast, welches von der Buscrew zubereitet wurde. Dazu genehmigten wir uns noch ein Fläschchen Veltins. Den Rest der Zeit bis zum Spiel nutzten wir dazu, den Strand, die Altstadt und ein paar Bars zu besichtigen.

Während das spanische Bier gerade so noch zu genießen war, konnten uns die zubereiteten Steaks garniert mit Kartoffelstiften in einem kleinen Lokal in der Innenstadt nicht von den Stühlen hauen. War wieder mal typisch für uns. Anstatt sich mal auf die kulinarischen Genüsse der fremden Region einzulassen, mussten wir wieder mal auf den heimischen Standard zurückgreifen. Ging in die Hose. Aber davon ließen wir uns nicht beirren.

Wir fuhren mit dem Taxi (mit 5€ sehr kostengünstig, die gleiche Strecke in Deutschland hätte vermutlich das doppelte gekostet) zurück in die Stadionkneipe. Dort lernten wir einen Deutschen aus dem Raum Stuttgart kennen, der vor acht Jahren mit seiner spanischen Frau nach Gijon ausgewandert war. Gijon liegt ca. 120 km westlich von Santander. Da er Schalke-Sympathisant war, hatte er sich entschlossen, sich eine Karte für dieses Spiel zu besorgen. Zusammen mit seinem Vater und dessen Bruder hatte er sich auf den Weg gemacht. Und nun standen wir zusammen und stießen auf das abendliche Spiel an. Die Sprachbarriere war auch keine mehr, wir unterhielten uns doch mit Händen und Füßen. Und in ganz schwierigen Fällen konnte uns der Schwabe weiterhelfen.

Um kurz vor sieben mussten wir aber zurück zum Bus, da dieser geschlossen werden sollte: die Busfahrer wollten ruhen. Wir packten unsere dicken Jacken (es wurde allmählich frisch in Spanien; ja, auch dort kann es kalt werden), und gingen die 150 m zurück zur Pinte. Nach weiteren drei Bier verabschiedeten wir uns ins Stadion. Zuvor konnte Reinhardt der Versuchung nicht widerstehen und kaufte zwei Tröten ein. Diese sorgten dann im Stadion bei dem jungen Herrn, der nachts die Festigkeit der Fensterscheiben testete, für richtig Atmosphäre. Fast während des ganzen Spiels wurde geblasen, was das Zeug hält. Ob diese Tröte jemals Deutschland gesehen hat, ist leider nicht überliefert. Die zweite Tröte wurde von Gerlinde in Gewahrsam genommen, sollte diese ihrem Sohn Cedric als Mitbringsel dienen. Obwohl sie während der Rückfahrt ca. 1000-mal auf Herausgabe der Tröte angesprochen wurde, blieb sie standhaft. Wäre eine nächtliche Blasaktion doch sehr unterhaltsam für den schlafenden Bus gewesen.

Auf das Spiel möchte ich nicht eingehen, sicherlich haben es viele von Euch im WDR gesehen, auch wenn es nur die zweite Hälfte war. Das 1-1 war letztendlich ein gerechtes Ergebnis. Bemerkenswert war die Tatsache, dass nach Spielende die Schalker Fans, die in zwei gegenüberliegenden Blöcken untergebracht waren, sich gegenseitig mit Fan-Gesängen „niedermachten“. Es war ein ständiges Hin und Her. Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass die auswärtigen Fans bei internationalen Spielen eine gewisse Zeit in ihren Blöcken bleiben müssen, um einen reibungsfreien Abgang der Zuschauer zu gewährleisten. Auch als die spanische Polizei nach ca. 20 Minuten die Blöcke öffnete, verließ kein Zuschauer das Stadion. Erst nach weiteren 10 Minuten räumten wir Schalker das Feld.

Zurück am Bosch-Bus mussten wir feststellen, dass dieser zum Treffpunkt vieler Schalker wurde. Es herrschte eine tolle Stimmung. Aber nach und nach begaben sich die Fans auf den Rückweg gen Deutschland. Viele der 500 Fans waren mit dem Auto angereist und hatten daher noch eine ähnlich anstrengende Fahrt vor sich wie wir mit dem Bus. Einige übernachteten in Santander, da ihr Flieger erst am nächsten Tag gehen sollte. Wir traten die Rückreise gegen Mitternacht an. Es warteten jetzt wieder ca. 20 Stunden Fahrt auf uns. Im Gegensatz zum Vorabend wurde in dieser Nacht etwas länger „getagt“, die Nachtruhe trat erst so gegen 3 Uhr ein.

Und diesmal hatte ich mir die Lehne zurückgesetzt, den Sitz leicht in den Gang gezogen, mein S04-Kissen hinter den Kopf gelegt und wunderbar bis zum nächsten Stopp geschlafen (gelegentlich musste ich mal wieder auf mein Gegenüber aufpassen, der diesmal mit zwei Händen Wodka-Orange, Mariacron-Cola und Kartenspielen wollte; irgendetwas landete immer auf dem Tisch, nicht nur die Karten).

Der nächste Stopp wurde immerhin erst Freitagmorgen um 9 Uhr eingelegt. Auf dem Rastplatz kurz vor Paris erfolgte das gleiche Ritual wie am Vortag, allerdings ging es mir viel, viel, viel besser. Reinhardt und ich genossen dann im Laufe des Tages zum Elfes, zum Mittagessen, zum Nachtisch, zum Kaffeetrinken und zum Abendessen jeweils zwei Bier, und ab und zu zwischendurch auch mal noch eine oder zwei. Gerlinde konnte sich leider nicht beteiligen, sie hatte das schwere Los gezogen, das Auto von Gelsenkirchen zurück in die Heimat zu steuern. Zum Bierholen musste immer einer nach vorne gehen. Bei einer Tour wurde ich angesprochen, wo wir denn wohnten. Sie hätten das noch nie gesehen, dass man so viel Bier trinken kann. Wir Wittgensteiner sind halt hart im Nehmen.

Seitenblick Kartenspiel

Mein Gegenüber Volker und mein Nebenmann Gilbert (Gilbo) teilten nicht nur ihre Leidenschaft für Mariacron-Cola, sondern auch für das Kartenspiel Tuppen, ein sehr weit verbreitetes Spiel am Niederrhein. Sie spielten rund um die Uhr ihr Spiel. Nur ab und zu wurde geschlafen und/oder getrunken. Endstand war dann 139,50 : 79,00 für Gilbo. Beide versuchten zwar, uns das Spiel zu erklären. Es blieb aber auch beim dem Versuch, da uns deren Fachsprache doch ziemlich „spanisch“ vorkam. Am Freitag endlich habe ich dann das Spiel intensiv beobachtet, und schließlich auch den Sinn verstanden. Danach konnte ich mich vom „Lehrling“ zum „Gesellen“ hocharbeiten. Ich konnte den anderen zumindest schon mal die Grundzüge erklären. Die Strategie und den Fortbildungskurs dazu werde ich dann auf einer der nächsten Fahrten belegen.

Unglücklicherweise gerieten wir bei Paris und bei Antwerpen in lange Staus, die uns insgesamt 2 Stunden kosteten. Glücklicherweise war der Biervorrat noch lange nicht erschöpft, so dass uns der Stau nicht allzu viel ausmachte. Kurz vor Gelsenkirchen hielten wir auf einem Parkplatz an der Autobahn an. Jeder hatte seinen Sitz zu reinigen (falls es etwas zu reinigen gab, bei uns kam noch der Tisch hinzu), sein Gepäck auf seinem Sitz abzustellen und dann unverzüglich den Bus zu verlassen. Der Bus wurde dann von den Verantwortlichen kontrolliert, und anschließend kurz mit einem Besen gesäubert. Wie mir später mitgeteilt wurde, wird dieses Ritual im Bosch-Bus vor jeder Ankunft in Gelsenkirchen vollzogen. Es ziehen auch alle mit. Der Chef Rudi droht ansonsten drastische Maßnahmen gegen die rebellierenden Personen an.

Als wir dann in Gelsenkirchen Endstation ankamen, zeigte die Uhr bereits 22 Uhr an. Die Abschiedszeremonien zogen sich noch mal 15 Minuten in die Länge, und dann ab auf die letzte Etappe. Aber zwei Stunden sind im Vergleich zu 22 Stunden zu ertragen. Dank Gerlinde war ich dann sicher und wohlbehalten um 24 Uhr zu Hause. Und ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie schön es ist, nach ca. 62 Stunden mal wieder unter einer Dusche zu stehen. Ein richtig schönes Gefühl, mal wieder sauber zu sein. Und dann das Bett erst, herrlich, wieder mal ordentlich zu liegen. Aber die ganzen Strapazen haben sich gelohnt: es hat viel Spaß bereitet, Santander war eine Reise wert.

Zum Schluss möchte ich anmerken, dass es eine sehr gut organisierte und gelungene Fahrt war. Auch der Preis mit €129,- für die Busfahrt war angemessen. Ein Wermutstropfen war allerdings der Preis der Karte mit €55,-. Das war nicht nur meines Erachtens überteuert. Für diesen Preis kann man in der VELTINS-Arena fast in der Loge Platz nehmen. Leider erlaubt es uns der UEFA-Cup-Modus nicht, den Spanier Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Fazit: Ich habe während der beiden Tage Menschen kennen gelernt, die ich sonst niemals kennen gelernt hätte. Es wird daher nicht meine letzte Fahrt mit dem Bosch-Bus gewesen sein. Mal sehen, was die nächsten Runden des UEFA-Cups (falls sich unser FC Schalke 04 dafür qualifiziert) für Überraschungen für uns bereithält.

Thomas Fischer